Steuerliches Risikomanagement

Auch die Finanzverwaltung muss ihre Personalkosten senken. Damit die dringend benötigten Steuereinnahmen nicht den geplanten Sparmaßnahmen zum Opfer fallen, setzen Bund und Länder bei der Betriebsprüfung auf eine risikoorientierte Fallauswahl. Als flankierende Maßnahme sollen Außenprüfungen künftig zeitnäher erfolgen.


Nach Jahren trügerischer Ruhe findet sich in der Post eine Prüfungsanordnung des zuständigen Betriebsstättenfinanzamtes für lange zurückliegende Wirtschaftsjahre. Kurz nach Ablauf der zugestandenen Vorbereitungszeit von üblicherweise zwei Monaten erscheint der Betriebsprüfer, um vor Ort mit der Analyse der Buchführung zu beginnen. Das steuerliche Mehrergebnis der je nach Unternehmensgröße durchaus mehrwöchigen Prüfung steht in nicht wenigen Fällen allerdings in keinem vertretbaren Verhältnis zum getriebenen Aufwand.

Auch den Rechnungshöfen missfällt diese Verwaltungspraxis zunehmend. So fordert der Bayerische Oberste Rechnungshof in seinen Feststellungen zur Betriebsprüfung unter anderem eine effiziente Arbeitssteuerung, ein wirksames Risikomanagement und eine Straffung der gesamten zeitlichen Abwicklung steuerlicher Außenprüfungen von der Fallauswahl bis hin zum Erlass der Änderungsbescheide. Die Mängelrügen sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern basieren auf Erhebungen der Finanzverwaltung. Danach führt eine risikoorientierte Fallauswahl statistisch belegt zu deutlich höheren steuerlichen Mehrergebnissen als turnusmäßige Prüfungen.

Automatisierte Risikoeinstufung

Als Ausweg aus dem sich abzeichnenden Dilemma haben Bund und Länder in seltener Eintracht jetzt den Einsatz eines bundeseinheitlichen Risikomanagementsystems in der Außenprüfung beschlossen. Mittels gezielter Fallauswahl der prüfungswürdigen Betriebe sollen zukünftig innerhalb der Verjährungsfristen nur noch die Unternehmen geprüft werden, bei denen von einem hohen steuerlichen Risiko ausgegangen werden kann. Offenkundig drängt die Zeit, denn erste Versuche laufen bereits. So wird das Risikomanagement in der Amtsbetriebsprüfung ausgewählter Finanzämter in Nordrhein-Westfalen (Dortmund-Unna, Münster-Außenstadt, Siegen, Aachen-Innenstadt, Bonn-Außenstadt und Kleve) seit dem 1. September 2006 getestet. Im Pilotprojekt sollen die Möglichkeiten zur Risikoerkennung mithilfe des von einer Strategie-Arbeitsgruppe entwickelten Risikopaneels schon im Veranlagungsverfahren ausgelotet werden. Wichtige Kriterien bei der Fallauswahl stellen neben der Größenklasse des Unternehmens (siehe Übersicht „Betriebsgrößenklassen“) bestimmte Risikoparameter und „Compliance-Faktoren“ dar. Welche Merkmale dabei nun genau ein Unternehmen auf dem Radarschirm der Betriebsprüfung erscheinen lassen, wird ebenso wie die Gewichtung der erfüllten Einzelkriterien aus nachvollziehbaren Gründen als streng geheime Kommandosache gehandelt.

Wohlwollen bei Gesetzestreue

Gleichwohl lassen sich aus den bisherigen Prüfungserfahrungen etliche steuerliche Fallstricke ableiten, die in der Vergangenheit regelmäßig das Interesse des Betriebsprüfers geweckt haben und auf die selbst ein automationsunterstütztes Risikomanagement der Finanzverwaltung wohl kaum verzichten wird.

Darunter fallen vor allem:

- schwankende Gewinne und Umsätze,

- verdeckte Gewinnausschüttungen

- Abweichungen von Umsatzsteuer-Voranmeldungen,

- Vorsteuerüberschüsse,

- auffällige Abweichungen von den Richtsätzen,

- hohe Sonder- und Teilwertabschreibungen oder auch

- unübliche Entnahmen und Einlagen.



Weitaus schwieriger gestalten sich dagegen Voraussagen über den „Compliance-Faktor“ des steuerlich geführten Unternehmens. Allgemein wird mit Compliance die Einhaltung von gesetzlichen Regularien umschrieben. Denkbar wäre daher eine Prüfungsauswahl aufgrund



- häufiger Beanstandungen in der Vergangenheit,

- wiederholter Fristüberschreitungen bei der Abgabe von Steuervoranmeldungen
und -erklärungen sowie

- negativer Feststellungen in bisherigen Betriebsprüfungs-Berichten


Im Hinblick auf den seit 2002 erlaubten Datenzugriff der Finanzverwaltung im Rahmen von Außenprüfungen steht zu befürchten, dass darüber hinaus neben einer mangelhaften Bereitstellung steuerlich relevanter Datenbestände auch Verstöße gegen Aufbewahrungspflichten und die „Grundsätze ordnungsmäßiger DV-gestützter Buchführungssysteme (GoBS)“ in den Katalog der unerwünschten Handlungen aufgenommen werden.

Zeitnahe Betriebsprüfungen


Mit dem Einsatz eines Risikomanagements bei der Fallauswahl prüfungswürdiger Betriebe verfolgt die Finanzverwaltung aber nicht ausschließlich eine signifikante Effizienzsteigerung ihrer Prüfungsdienste. Vielmehr soll die in der Vergangenheit wiederholt in Aussicht gestellte Zeitnähe von Außenprüfungen nun endlich umgesetzt werden. Davon profitieren auch die Unternehmen, bedeutet doch eine zeitnahe Klärung steuerlich relevanter Sachverhalte letztlich Planungssicherheit.